3.3. Den Film schneiden


Offline-Schnitt und Timecodes

Einige CutterInnen werden zuerst einen „Offline-Schnitt“ bzw. ein „Paper-Edit“ vornehmen. Darunter versteht man eine Liste von Schnittentscheidungen, auf der mit Papier und Stift notiert wird, welche Teile welcher Clips verwendet werden sollen, und in welcher Reihenfolge. Die Schnittentscheidungen stützen sich zwar auf Storyboard und Drehbuch, die zum Drehen des Films verwendet wurden, aber oft weicht dann das gedrehte Material vom Storyboard ab, und nicht selten auch vom Drehbuch. Außerdem werden häufig mehrere „Einstellungen“ einer Szene gedreht, und dann muss die Entscheidung getroffen werden, welche Einstellungen oder welche Teile der Szene überhaupt verwendet werden. Diese Entscheidung basiert sowohl auf der technischen als auch auf der künstlerischen Qualität des Materials. Oft werden Teile von Clips verwendet. Clips werden in der Regel in der Kamera aufgenommen, wobei jedes Bild eine Zeitkodierung bekommt, die sich „Timecode“ nennt. Dieser Timecode wird im Format „00:00:00:00“ dargestellt. Dabei sind die ersten beiden Nullen die Stunden, die zweiten die Minuten, die dritten die Sekunden und die vierten die Einzelbilder. Die ersten drei sind selbsterklärend. Die vierte Angabe hängt von der Anzahl der Bilder pro Sekunde ab (BpS, eng. fps), mit der die Kamera aufnimmt. In Europa drehen Kameras in der Regel mit einer Bildfrequenz von 25 BpS, so dass die letzte Ziffer bis 25 steigen kann, bevor sie wieder bei 0 beginnt. Hier ein Beispiel: 00:04:13:04 bedeutet 4 Minuten, 13 Sekunden und 4 Einzelbilder. Dieser Timecode kann dazu verwendet werden festzustellen, wo das gewünschte Filmmaterial in einem Clip beginnt und endet.

Die Schnittsoftware-Umgebung

Jedes Schnittsoftwarepaket unterscheidet sich zwar rein optisch von anderen Paketen, aber in der Regel ähneln sie sich in ihren grundlegenden Merkmalen. Sie haben meist ein Vorschaufenster, in dem Sie sich die Clips schon einmal anschauen und die Entstehung Ihres Films mitverfolgen können. Diese Fenster haben eine „Timeline“ (also eine Zeitleiste), die normalerweise aus einem langen Fenster mit einem Lineal am oberen Rand besteht, auf dem die Zeiteinheiten ansteigend markiert sind. Darüber befindet sich wieder eine Linie, die Videospur, in der die Videoinhalte als Balken dargestellt sind, wie Sie sie beispielsweise auf horizontalen Balkendiagrammen finden. Darunter befindet sich die Tonspur, auf der die Soundclips durch ähnliche Balken dargestellt werden. Außerdem gibt es dann noch eine Reihe kleiner Fenster, die ebenfalls über Werkzeuge verfügen, mit denen Sie die Audio- und Bildinhalte verändern können. Weitere Optionen stehen Ihnen über normale Pulldown-Menüs zur Verfügung.

 Editing window in Final Cut Pro

Das Schnittfenster in Apples „Final Cut Pro“-Programm

Verbringen Sie erst einmal ein wenig Zeit mit Ihrem Schnittprogramm, und machen Sie sich damit vertraut, wie es funktioniert, indem Sie ein wenig „herumprobieren“. Ziehen Sie dabei das Handbuch, das Hilfemenü sowie Online-Foren zurate, und versuchen Sie alle Zusammenhänge zu verstehen, die Ihnen bei diesem Softwareprogramm bis jetzt noch Probleme bereiten.

Online-Schnit

Während in den guten alten Hollywood-Studios noch alles auf Filmrollen gedreht wurde, profitieren wir heute von den Vorteilen des Digitalfilmens. Früher mussten die Filmrollen von Hand zerschnitten und dann wieder mühevoll zusammengeklebt werden, um aus den gewählten „Filmstücken“ eine neue Rolle Film zu machen. Dieses Verfahren nannte man „linearer Filmschnitt“, weil alles in einer Reihe angeordnet wurde. Heute, im digitalen Zeitalter, schneiden wir dagegen nicht-linear. Das heißt, wir nehmen die Filmelemente, die wir brauchen, und ziehen sie auf der Timeline an die gewünschte Position. Wenn Sie also einen Bild- oder Tonclip in Ihrem Film verwenden wollen, ziehen Sie ihn zuerst einmal auf die Timeline. Der Anfang Ihrer Timeline ist gleichzeitig auch der Anfang Ihres Films, und Sie müssen jeden Clip, der im Film erscheinen soll, an die chronologisch richtige Stelle auf der Timeline ziehen. Darüber hinaus können wir verschiedene visuelle Elemente aber auch übereinander lagern (quasi „stapeln“) –, zum Beispiel Untertitel, die später am unteren Rand des Filmbildes erscheinen. Wenn Clips auf diese Weise „übereinander gestapelt“ werden, wie etwa die 22 und 24 im oben abgebildeten Diagramm, wird nur der obere Clip zu sehen sein. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Flugzeug und schauen nach unten: Sie werden von der Erde nur das sehen, was ganz oben liegt.

Außerdem können wir Clips in kleinere Stücke schneiden, um nur den Teil zu verwenden, den wir wirklich brauchen. Früher musste man die Filmstreifen mühsam wieder trennen und neu zusammenfügen, wenn man sich einmal anders entschieden hatte, aber heute können wir die gelöschten Teile eines Clips in der Timeline einfach wieder an ihre ursprüngliche Stelle ziehen.

Der Schnitt-"Rhythmus"

Jeder Film hat sein eigenes Tempo und seinen eigenen Stil, das bzw. der durch verschiedene Komponenten bestimmt wird. So ist ein Musikvideo zum Beispiel meistens recht schnell geschnitten, um die Aufmerksamkeit der ZuschauerInnen zu fesseln. Dabei kommt es zu häufigen Veränderungen der Bildinhalte – meist im Takt der Musik. Bei einem Dokumentarfilm zu einem tragischen Thema wird die Kamera dagegen oft lange auf dem Gesicht einer Person verweilen, um zu zeigen, was in ihr vorgeht. Ein(e) gute(r) CutterIn weiß, welche Emotionen er oder sie beim Zuschauer oder der Zuschauerin erreichen will, und verwendet Tempo, Bildwahl, visuelle Effekte und Musik, um diese Emotionen hervorzurufen und das Publikum bei der Stange zu halten..

Szenen

Ein Film besteht aus Szenen, und diese Szenen sind so hintereinander angeordnet, dass sie eine Geschichte erzählen. Manchmal folgen die Szenen ohne Tempowechsel aufeinander, während es an anderen Stellen  dann wieder einen szenischen „Bruch“ gibt. Um sich die erste Situation vor Augen zu führen, stellen Sie sich bitte Folgendes vor:

SZENARIO 1

Wir sehen einen kleinen Jungen, der im Vorgarten eines Hauses Ball spielt. Es gibt einen Schnitt zu einem Mann, der in ein Auto steigt und den Motor anlässt. Er fährt weg und winkt aus dem Wagenfenster noch einmal einer nicht sichtbaren Person zu. Es gibt einen neuen Schnitt zurück zum Jungen mit dem Ball. Der Ball springt über den Boden und fliegt dabei über eine Mauer. Der Junge rennt zu dieser Mauer. Nun sehen wir wieder den Wagen, der durch einen Vorort fährt. In einer neuen Einstellung sehen wir, wie der Mann beim Fahren den Sender seines Autoradios verstellt. Nun schauen wir über die Straße auf eine Gartenmauer. Ein Ball rollt über die Straße auf uns zu. Der Junge klettert auf die Mauer. Dort sitzt er eine Weile und schaut grübelnd nach unten. Er springt auf den Bürgersteig. Er rennt auf die Straße, dem Ball hinterher. Nun sehen wir wieder den Fahrer des Wagens, der sich inzwischen mehr auf sein Radio als auf die Fahrbahn konzentriert.

Es gab zwar absolut keine visuelle Verbindung zwischen dem Ball und dem Mann im Auto, aber ich wäre überrascht, wenn Sie nicht das Bild von den kommenden Ereignissen im Kopf haben würden, das ich beabsichtigt hatte.

Nehmen Sie nun dieselben Clips, und schneiden Sie sie anders zusammen:

SZENARIO 2

Wir sehen den Mann, wie er in ein Auto steigt und den Motor anlässt. Er fährt weg und winkt dabei aus dem Wagenfenster. Eine neue Einstellung zeigt den Jungen, wie er auf einer Gartenmauer sitzt und grübelnd runterschaut. Wir sehen, dass der Mann während der Fahrt den Sender in seinem Autoradio verstellt. Der Bildschirm wird schwarz. Nun wird wieder auf den Jungen aufgeblendet, der nun im Vorgarten eines Hauses Ball spielt.

Es gibt zwar wieder keine Verbindung zwischen dem Mann und dem Jungen, aber welche Geschichte ist in Ihrem Kopf entstanden, nachdem Sie diese Clips nun in einer neuen Reihenfolge gesehen haben?

A3.3
Schriftliche und praktische Übung

Machen Sie einen „Paper-Edit“ für Ihren Film.

Schneiden Sie sich Ihre Filmclips so zurecht, wie Sie sie brauchen, und legen Sie sie in der Timeline Ihrer Schnittsoftware ab, um diesen „Paper Edit“ in einfacher Form digital nachzuvollziehen.